BERLINER ZEITUNG (12 Feb, 2009)
PHILIPP BÜHLER

HÄUPTLING VON UPPSALA
Zwei schwedische Filme im Forum der Berlinale schauen hinter eine geordnete Welt.

In schwedischen Filmen geht es eigentlich immer um dasselbe: um das Idyll der gerechten Gesellschaft und den Konformismus, mit dem man dafür zahlt. Das kann aber ganz unterschiedlich aussehen, wie in diesem Jahr das Forum beweist. Für den ulkigen Dokumentarfilm "H:r Landshövding" verfolgte Mans Mansson ein Jahr lang das Leben des Kommunalpolitikers Anders Björck. Als "Landeshäuptling" der Provinz Uppsala bekleidet der ehemalige
Verteidigungsminister ein uraltes, eher repräsentatives Amt mit großer Volksnähe. Auf seinem Terminplan, den er in seinem Büro sorgsam zusammenstellt, stehen Treffen mit der englischen Queen und der schwedischen Kronprinzessin - in letzter Zeit werden viele Staatsbesuche nach Uppsala ausgelagert, weil sie dort ein so schönes Schloss haben.

Oberste Priorität haben allerdings die Feierlichkeiten zum 300. Geburtstag des weltberühmten Naturkundlers Carl von Linné. Er wirkte an der hiesigen Universität. Björck muss die Proben koordinieren, halb Uppsala steckt bereits
in traditionellen Trachten des 18. Jahrhunderts. Bei der Einweihung einer Gedenkplakette denkt man unwillkürlich an die satirischen Kunstvignetten des schwedischen Regisseurs Roy Andersson ("Das letzte Gewitter"). Sollte Mansson die merkwürdige Welt der schwedischen Honoratioren ähnlich auf die Schippe nehmen wollen, scheitert er jedoch am Objekt. Der Konservative Björck, ein vertrauenserweckender Herr gesetzten Alters, gewinnt durch stille Souveränität. Die Kamera, ungewöhnlich für einen Politiker, scheint er gar nicht zu bemerken. Als Stütze der Gesellschaft ist dieser Mann, den nach schwedischer Sitte alle beim Vornamen nennen, ohne Zweifel unverzichtbar.

Nur scheinbar in einem anderen Land spielt "Man tänker sitt". Ein Elfähriger geistert durch eine langweilige Reihenhaussiedlung am Waldrand, ist aber eher präsent durch den irritierenden Bewusstseinsstrom seiner Erzählstimme. "Einsamkeit wird nicht Einsamkeit sein, Schwäche nicht Schwäche," raunt es dunkel aus Kindermund. Die ätherischen Phrasen stammen direkt aus "Walden", dem Hauptwerk des amerikanischen Nonkonformisten Henry David Thoreau. Der Junge zeigt uns die Welt hinter den Fassaden einer wohlgeordneten Welt und solidarisiert sich mit deren Außenseitern: ein noch immer bei den Eltern wohnender Mann mit Kind, ein seit Jahrzehnten arbeitsloser Gastarbeiter. Eine elementare Traurigkeit ist in seiner Stimme, und anders als der junge Held in Lasse Hallströms Meisterwerk "Mein Leben als Hund" scheint er nicht gewillt, diese aufzugeben. Er wird sich nicht einfügen. "Ich bin nicht verantwortlich dafür, dass die Gesellschaftsmaschine funktioniert. Ich bin nicht der Sohn des Ingenieurs." Das sollte er mal dem Herrn Landeshäuptling erzählen!

Auf Dauer ist diese von schrillen Chorgesängen begleitete Feinnervigkeit schwer zu ertragen und die Bildebene zu eintönig geraten. Aber wie das Regieteam Henrik Hellström und Fredrik Wenzel hier den transzendentalen Weltschmerz auf die Spitze treibt, wirkt beeindruckend.